Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung.

Warum ruinieren wir mit unserem bisherigen Wirtschaftssystem den Planeten? Welche Rolle spielt unser Verhältnis zur Natur? Sind wir Menschen eiskalte Homo Oeconomicus? Wie sähe eine nachhaltige Wirtschaft aus? Wie sähe sie jedenfalls nicht aus? Warum stellt Wachstum ein Problem dar? Welche Rolle sollte der Staat spielen? Wie kann unsere Welt gerechter werden? Was heißt Wohlstand? Kann man auch glücklich sein, ohne ständig zu konsumieren?

Diesen und vielen weiteren Fragen geht Maja Göpel in ihrem Buch “Unsere Welt neu denken. Eine Einladung” nach. Prof. Dr. Maja Göpel ist nach eigener Aussage Politökonomin, Expertin für Nachhaltigkeitspolitik und Transformationsforschung, Autorin, Rednerin, Beraterin, Hochschullehrerin und Mitbegründerin Scientists4Future. Das Besondere an ihrem Buch ist meiner Meinung nach, dass sie es versteht, in großen Zusammenhängen zu denken und es schafft, diese kurz und bündig darzustellen. In weniger als 200 Seiten hat sie meinen Blick auf Wirtschaft und Nachhaltigkeit verändert. Das Buch ist absolut empfehlenswert! Heute möchte ich die Punkte zusammenfassen, die für mich am einprägsamsten waren.

Planetare Grenzen: Wirtschaften in einer vollen Welt

Unsere Wirtschaftsweise ist geprägt von Expansion und Extraktion: Ist ein Wald gerodet, gehen wir zum nächsten weiter. Ist ein See leer gefischt, angeln wir im nächsten See. Ist eine Braunkohletagebau erschöpft, machen wir den nächsten auf. So in der Art hat es jahrtausendelang irgendwie funktioniert. Der Mensch beutete aus was zu holen geht, und zog dann weiter. Als Ergebnis steigerte sich der Wohlstand, jedenfalls in den Industriestaaten welche mächtig von ihrer Vorgehensweise profitierten.

Das, was wir modernen Fortschritt nennen, ist im Prinzip nichts anderes als Ausbreiten und Ausbeuten.

Maja Göpel

Das Ganze hat nun gleich mehrere Probleme: Zum einen hat sich die Zahl der Menschen in den letzten 50 Jahren sage und schreibe verdoppelt. Ende 2019 waren es 7,7 Milliarden Erdbewohner. Zum anderen benötigt der Lifestyle der Bewohner in den Industrienationen immer mehr Land: Der ökologische Fußabdruck wächst unaufhaltsam (In diesem Artikel habe ich mir mal meinen eigenen ökologischen Fußabdruck angeschaut.). Wir verhalten uns, als gäbe es drei Erden. Leider gibt es nur eine.

Erschreckend ist, dass dies bereits in den 70er Jahren in einer Studie namens “Die Grenzen des Wachstums” dargestellt und davor gewarnt wurde, die menschliche Zivilisation werde zusammenbrechen, wenn nicht vom bisherigen Weg abgegangen wird. Und dies nicht zu einer Korrektur der Wirtschaftsweise führte. Man hatte und hat es sich in einer Scheinrealität gemütlich gemacht und lieber aufs Geld geschaut statt auf die Folgen für Mensch und Umwelt.

Wir erleben jetzt eine neue Realität: Wir leben in einer vollen Welt. Das heißt wir müssen lernen, wie man in einer vollen Welt wirtschaftet, und anerkennen, dass die planetaren Grenzen erreicht sind.

Wirtschaftswachstum gleich Klimawandel

Schaut man sich die Kurven des CO2-Anteils in der Erdatmosphäre und die Kurve der weltweiten Wirtschaftsleistung an, so sieht man, dass diese nahezu deckungsgleich verlaufen. Diese sind durchweg steigend bis auf drei Zeitpunkte, in denen Krisen wie die Finanzkrise 2008 zu einer Stagnation der Wirtschaft führten. Das Gleiche lässt sich auch bei anderen Themen wie Plastikmüll oder Ressourcenverbrauch feststellen.

Schrumpft die Wirtschaft, verlangsamt sich der Klimawandel. Wächst die Wirtschaft, beschleunigt er sich. Oder noch einfacher ausgedrückt: Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form heißt Klimawandel.

Maja Göpel

Unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum gepolt. Dieser Zwang, immer mehr zu produzieren, zerstört Fortschritt in Sachen Umweltschutz an anderer Stelle. Zugrunde liegt der Gedanke, dass mehr Wachstum auch mehr Wohlstand und damit mehr Glück bedeutet. Dem gegenüber steht das Easterlin-Paradox: Ab einem gewissen Einkommen nimmt das Glücksgefühl mit jedem verdienten Euro nicht mehr so stark zu wie davor. Eine Art “Sättigung” tritt ein. Nur in der Wirtschaft wird das ignoriert – da gibt es kein “genug”. So ist es in weniger entwickelten Ländern sicherlich noch wahr, dass Wachstum auch Wohlstand und Glück bedeutet, nicht aber in hoch entwickelten reichen Nationen. Schauen wir uns doch mal um in Deutschland: Die Grundbedürfnisse müssten gedeckt sein, Kleidung, Wohnen, Elektrizität, Nahrung – an und für sich im Überfluss vorhanden. Trotzdem suggeriert uns die Werbung, dass wir immer mehr benötigen.

Und so sind wir heute an dem Punkt, dass die ursprünglich beabsichtigte bessere Versorgung von Menschen mit Gütern und Dienstleistungen, die sie wirklich brauchen, gar nicht mehr das eigentliche Ziel des Wirtschaftens ist. Wir haben Mittel und Zweck vertauscht.

Maja Göpel

Darum rettet uns technischer Fortschritt nicht

Ein Aspekt dieser Scheinrealität ist, auf den technischen Fortschritt zu hoffen. Dieser soll uns retten. Entkopplung von Naturverbrauch und Wachstum soll durch technischen Fortschritt und Innovation entstehen.

Im Weg steht jedoch der sogenannte Rebound-Effekt. Immer wenn eine Technologie effizienter wird, wird sie günstiger, mehr Menschen zugänglich und erlebt damit eine gesteigerte Nachfrage. Dies lässt sich anhand vieler Beispiele sehen. Zum Beispiel verbrauchen ein VW Beetle der 90er Jahre und der VW-Käfer der 50er Jahre gleich viel an Benzin. Jahrzehnte an Ingenieursarbeit haben zwar dafür gesorgt, dass das Auto effizienter sein könnte – eine zunehmende Motorisierung von 30 PS auf 90 oder 115 PS machen dies wieder zunichte. Und so sehen wir dies auch im Stromverbrauch der Haushalte – die Geräte werden, unter anderem durch die Ökodesignrichtlinie der EU, immer effizienter. Gleichzeitig schaffen wir uns immer größere und mehr Geräte an, sodass der Verbrauch in der Tendenz steigt.

Wenn wir den technologischen Fortschritt weiter so einsetzen wie bisher und und ihm keine klar andere Funktion geben als die des kurzfristigen ökonomischen Wachstums und der weiteren Zunahme an Konsum, verschieben wir die Lösung der Probleme unverändert rigoros in die Zukunft.

Maja Göpel

Ein anderes Ausmaß des technischen Fortschritts erscheint genauso verlockend, uns weiterzuhelfen: Geo-Engineering. Geo-Engineering meint Methoden, welche zur Verlangsamung des Klimawandels zum Einsatz kommen sollen. Genutzt werden könnte auch Wiederaufforstung oder Wiedervernässung von Mooren, was beides der Atmosphäre CO2 entziehen könnte. Das ist zwar praktisch, konkurriert aber mit unserem Umgang von Land. Andere wilde technische Ideen werden diskutiert: Von Spiegeln im Weltall über Schwefel in der Luft bis hin zu Algen im Meer oder Abtragung von Bergen ist alles dabei. Die Methoden sind jedoch nicht im großen Stil erprobt und bergen gewisse Risiken. Paradoxerweise sind solche CO2-senkende Maßnahmen in der Berechnung in Studien zur Entwicklung des Klimas eingepreist – wir tun also so, als wäre es gewiss, dass wir in der Zukunft Antworten im technologischen Bereich finden.

Verzicht statt Konsum

Wir leben über unsere Verhältnisse. Besser gesagt: Wir leben über die Verhältnisse der anderen. Was damit gemeint ist? Derzeit bilden viele Preise nicht den Umweltschaden ab, der erzeugt wird. Beispielsweise bei einem Flug wird CO2 quasi in der Atmosphäre entsorgt, aber niemand möchte dafür die Verantwortung übernehmen. Letzten Endes zahlen dafür diejenigen, die der Klimawandel am härtesten trifft, wie Inselstaaten die einfach untergehen. Das nennt sich Externalisierung.

Der Wohlstand, in dem die westliche Welt lebt und an dem sich viele Entwicklungsländer orientieren, hätte nach den Regeln der Nachhaltigkeit aber gar nicht erst entstehen dürfen.

Maja Göpel

Neben der Hoffnung auf technischen Fortschritt, welche wie oben beschrieben nicht so recht aufgehen wird, ist Konsumverzicht eine Möglichkeit, den Klimawandel abzuwenden. Verzicht klingt erst einmal unattraktiv – man sollte eher sagen, dass wir darauf verzichten sollten, nachfolgenden Generationen die Zukunft zu nehmen und allgemein unseren Planeten zu ruinieren.

Die Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse wie Wohnen, Wasser, Strom, nennt sich Versorgungssicherheit. Im Laufe der Jahre hoben sich dabei die Standards immer mehr. Was früher Luxus war, ist jetzt normal. Schaue ich mich um, was ich als selbstverständlich annehme, so ist das deutlich mehr, als meine Oma im selben Alter zu erhoffen wagte. Und so kommen wir zu der Frage: Wieviel ist genug? Denn auf einem vollen Planeten ist es nicht möglich, immer mehr zu haben, ohne dabei auf Kosten der Umwelt und der Anderen zu leben und unseren Kindern die Zukunft zu klauen.

Paradoxerweise macht uns dieser ganze Überfluss nichtmal glücklicher. Diese These stützen mehrere Indizien. Das “Paradox of Choice” sagt zum Beispiel aus, dass uns eine größere Auswahl an Produkten unzufrieden macht, da wir immer das Gefühl haben, nicht das perfekte gewählt zu haben. (Ein Grund, warum ich die kleinen Supermärkte bevorzuge. Wer braucht denn bitte 100 verschiedene Marmeladensorten?) Verlustängste werden größer, die Angst vor dem “Weniger” sitzt tief. Ja nicht weniger haben als die Mitmenschen. Das Haben, der Materialismus, macht zunehmend unseren Selbstwert aus.

Ein Ansatz das Konsumverhalten zu verändern ist die Abbildung des wahren Preises, samt allen Kosten für Mensch und Umwelt. Durch diese erhebliche Preiskorrektur würden Produkte und Technologien attraktiv werden, die uns tatsächlich weiter helfen. Leider wird gerade das Gegenteil mit Subventionen erzielt. So wird gerade beispielsweise Kerosin im Flugzeug nicht besteuert. Dienstwägen werden staatlich gefördert, obwohl die Mehrzahl klassische Verbrenner sind. Auch Primär-Kunststoff wird nicht besteuert, Sekundär-Kunststoff hingegen schon. Verrückt, oder?

Der Staat muss Gemeingüter sichern

Zu guter Letzt: Laut dem Ökonomen Adam Smith führt kapitalistisches Schaffen automatisch und wie von Geisterhand dazu, dass der Wohlstand für alle steigt. So richtig zeigt sich dies jedoch nicht. Ein Grund ist die Tyrannei der kleinen Entscheidungen, dargelegt am Beispiel der Eisenbahnstrecke der kleinen amerikanischen Stadt Ithaca. Diese wurde Ende der 50er Jahren geschlossen, da die Einwohner in der Regel das Auto bevorzugten und die Bahn allmählich unrentabel wurde. Die Krux ist: Die Einwohner benötigten die Bahn im Winter bei Eis und Schnee, da sie nur damit noch fahren konnten. Die Entscheidungen der Einzelnen führte damit zu etwas, was die Gemeinschaft nicht wollte. Genau hier gilt es, als Staat einzuspringen und Gemeingüter zu bewahren. Globaler gedacht ist es auch Aufgabe der Staaten, Gemeingüter wie Meere, Natur und Atmosphäre zu schützen. So könnte das Zumüllen der Atmosphäre mit CO2 unterbunden werden, indem ein CO2-Preis in ausreichender Höhe eingeführt würde.

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